Autor Thema: Zuhause bei Familie von Klammgrat auf der Feste Kharkovtrutz  (Gelesen 141 mal)

Offline Arianna

  • Vorstandsmitglied
  • Weltenvernichter
  • *****
  • Beiträge: 2413
    • Alizea´s Reich
Das neue Jahr hatte grade erst begonnen, doch die Launen des Herrn von Klammgrat hatten sich immer noch nicht gebessert. Im Gegenteil - es wurde eher schlimmer.
Immer öfter gingen Möbel unter seiner plötzlich hervortretenden Wut zu Bruch, flogen kleinere Gegenstände an die Wand und zerbrachen in tausend Scherben.
Das Gesinde eilte immer schnell herbei, um die Trümmer zu beseitigen, bevor sich Jemand daran verletzen konnte. Doch sie hatten alle Angst. Bisher hatte der Herr die Hand
noch nicht gegen einen von ihnen erhoben. Doch würde das so bleiben? Wie lange würde der Herr sich noch auf leblose Gegenstände beschränken?
Früher war das Leben auf der Burg auch für das Gesinde ein angenehmes gewesen. Trotz der anfallenden Arbeit und den unterschiedlichen Ständen hatte man ein gutes Verhältnis
untereinander. Die Kinder vom Gesinde spielten und tobten ausgelassen mit denen der Klammgrats durch den Burghof, die Herrin selbst war sich auch nicht zu schade, mal mit anzupacken
wenn irgendwo eine helfende Hand gebraucht wurde und war entsprechend beliebt. Der Herr packte früher ebenfalls gern mal mit an, wenn er zuhause war, und er war ebenso ein freundlicher und stets gerechter Mann gewesen.
Nur was war in letzter Zeit geschehen, das ihn so verändert hatte?

Ähnliche Gedanken bezüglich ihres Bindungspartners mochten wohl Sharin Katharina von Klammgrat durch den Kopf gehen, als sie am Vormittag an einem der ersten Tage im neuen Jahr auf dem kleinen überdachten Wehrgang stand und auf den Burghof hinab schaute.
Es hatte auch in der letzten Nacht geschneit, und die Kinder tollten ausgelassen im frischen Schnee fröhlich herum, warfen mit Schneebällen oder versuchten kleine Gestalten daraus zu formen.
Die Größeren der Klammgrat-Kinder hatten ihre jüngste Schwester Isabella - dick gegen die Kälte eingepackt - ebenfalls mit in das bunte Treiben genommen.
Die Zwillinge, die ältesten der acht Sprößlinge, würden bald ihren 9. Jahrestag feiern, die Kleinste hatte bald erst ihren ersten Jahrestag.
Für einen Moment hatte Sharin über das glückliche Treiben der Kinder im Schnee vergessen, und ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Doch dieser schöne Moment hielt nicht lange an.
Irgendetwas hatte wohl wieder den Unmut des Hausherren auf sich gezogen. Oder er hatte wieder besonders schlechte Laune. Wer konnte das in diesen Tagen schon sagen?
Aus einem der Schuppen war lautes poltern und krachen zu hören.
Die Kinder im Hof erstarrten vor Schreck aber fingen sich nach einigen Sekunden wieder, nur um schleunigst das Weite aus dem Hof zu suchen und sich hastig zurück in die Burg zu flüchten.
Dort, wo kurz zuvor die Zwillinge mit Isabella noch im Schnee gespielt hatten, landete mit einem durch den Schnee gedämpften Krachen die Tür - oder besser deren Überreste - des Schuppens. Gorn hatte diese wohl in seiner Wut einfach mit solcher Wucht aus den Angeln getreten, das sie hinaus in den Hof geflogen war.
Sharin eilte die Stufen zum Eingang hinunter, um sich zu vergewissern, dass den Kindern auch nichts passiert war, und schickte sie in die Küche um sich aufzuwärmen und etwas warmes zu trinken.
Sie selbst ging hinaus in den Hof, um nach Gorn zu schauen. Er verletzte sich bei seinen Ausbrüchen oft schwer, ohne es zu bemerken. Sie machte sich große Sorgen um ihn. Aber wie nur sollte sie ihm helfen? Er sprach nicht mit ihr, nicht mit Anderen. Keiner wusste wirklich, was mit ihm los war.
Was Sharin sicher wusste war, dass er nicht er selbst war. So kannte sie ihn nicht, und selbst in größter Wut war er bisher noch nie so aggressiv geworden.
Sie betrachtete die zerstörte Tür im Hof. Wenn sie nur ein paar Augenblicke vorher dort gelandet wäre..... Sie schüttelte den Kopf, diese Gedanken nutzten jetzt nichts. Langsam und vorsichtig ging sie auf den Schuppen zu, für den Fall das sie weiteren, herausfliegenden Dingen ausweichen musste.
Aber es kam nichts mehr geflogen. Gorn selbst saß im Schuppen auf einem Hocker, seine Hände aufgeschürft und blutend, einer seiner Stiefel war am Schaft aufgerissen.
Sharin sah es ihm an. Es war ihm nicht recht, dass sie ihn so sah. Sie kannten sich gegenseitig zu gut, um es nicht zu wissen. Gorn war immer der Starke gewesen, der alles alleine mit sich
selbst ausmachte, und dies auch immer irgendwie geschafft hatte.
Sharin liebte und achtete ihren Mann, doch so konnte es nicht weiter gehen. Diesmal brauchte er Hilfe, ob er wollte oder nicht.
Und bis es soweit war, musste sie noch andere Dinge erledigen.
Gorn hatte sich für´s erste wieder beruhigt, und so ging sie mit ihm ins Kaminzimmer. Sharin verband notdürftig seine Hände, bis die Heilerin, nach der sie hatte rufen lassen, vor Ort war.
Auch andere Stiefel lies sie ihm bringen, bevor sie ihm ihre Entscheidung mitteilte.
Sharin hatte sich schon länger darüber Gedanken gemacht, doch immer wieder gehofft, die launischen Ausbrüche von Gorn würden ebenso schnell verschwinden, wie sie gekommen waren.
Doch dies war nicht geschehen. Und gerade der Vorfall im Hof hatte ihr gezeigt, dass es keinen weiteren Aufschub geben durfte.
Wie Gorn wohl reagieren würde? Sie wusste es nicht und versuchte sich auf alle möglichen Reaktionen vorzubereiten.
Die Kinder würden zusammen mit Gorns Mündel die Feste Kharkovtrutz verlassen!
Sharin hatte bereits vor einiger Zeit mit einer der Priesterinen der Meret gesprochen. Falls es nötig wäre, könnten die Kinder im heiligen Hain der Mutter Meret Unterschlupf finden.
Hier zuhause war es zu gefährlich geworden. Gorn musste sich helfen lassen, soviel stand fest.
Und bis dies nicht geschah, war es zuhause für die Kinder zu gefährlich geworden.
Sie würden am folgenden Tag von Angehörigen von Kult und Orden der gütigen Mutter abgeholt und in den heiligen Hain gebracht.
Gorn hatte seiner Frau schweigend zugehört. Er sah den Schmerz in ihren Augen und die über ihre Wangen rinnenden Tränen, als sie vom fortschicken der Kinder sprach. Doch er zeigte keine Regung, es schien fast, als wäre es ihm gleichgültig.
Weder wurde er zornig und wütend, noch nahm er sie tröstend in den Arm. Er tat nichts, saß einfach nur da in seinem Sessel, wendete den Kopf und schaute dem im Kamin sterbenden Feuer zu.

Kurze Zeit später betrat ein Knecht das Kaminzimmer und brachte frisches Holz für den Kamin und legte neue Scheite auf das bereits fast erloschene Kaminfeuer und entfachte es erneut.
Bevor er das Zimmer wieder verlassen konnte, wies Sharin ihn noch an, für den folgenden Tag einen der Wagen mit ausreichend warmen Decken für alle Kinder und Begleiter zu bestücken, ebenso mit Proviant für die Reise zum heiligen Hain.
Der Knecht sah seine Herrin verwundert an, nickte aber schließlich und versprach sich drum zu kümmern.
Sharin wartete, bis die Heilerin mit einer Novizin angekommen war, und ließ die Beiden dann mit Gorn allein.
Sie hatte noch einiges vorzubereiten.