Autor Thema: [Fahlen, Schwingenstein] Hungerwinter  (Gelesen 71 mal)

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[Fahlen, Schwingenstein] Hungerwinter
« am: November 05, 2019, 17:52:47 »
Freiherrentum Fahlen, Baronie Schwingenstein, Herbst 19 Viviane

Mühlenstieg


Wie in jedem Herbst ist die Malka durch den Regen angeschwollen und an einigen Stellen über die Ufer getreten. In Mühlenstieg wird diese neue Kraft des Flusses traditionell als Segen angesehen, da das Wasser die Mühlsteine antreibt, die das Korn der frisch eingefahrenen Ernte mahlen. In diesem Jahr jedoch drehen sich die mächtigen Räder der Mühle an den meisten Tagen vergebens. Nur wenig Korn ist bisher in den Ort gebracht worden und das meiste davon vom benachbarten Flussufer. Schon geht unter den Bewohnern die Angst um. Angst vor dem Hunger und Angst vor der Armut, da der Handel mit dem gemahlenen Korn bisher eines der wichtigsten wirtschaftlichen Standbeine war. Ohne das Korn werden viele Menschen hungrig bleiben – nicht nur in diesem Winter, sondern auch in den kommenden Jahren.

Steinacker

Der junge Blaurock zuckt hilflos mit den Schultern: „Ich kann ja auch nichts dafür. Wir sind geschickt worden, um deine Ernte abzuholen und in den Getreidespeicher im Ort zu bringen. So lauten nunmal unsere Befehle.“ Der Bauer blickt den Soldaten mit hasserfülltem Gesicht an: „Den ganzen weiten Weg aus dem Norden habt ihr gemacht, nur um mir auch noch das letzte bisschen, das mir geblieben ist zu nehmen? Erst kommt ihr und bringt den Krieg in unsere Heimat und jetzt soll dem der Hunger folgen? Unter den alten Herren ging es uns immer gut. Ermordet habt ihr sie und nun kommt ihr, um auch uns umzubringen?“ Einer der Soldaten zieht sein Schwert: „Wir wollen niemanden umbringen, aber wir werden den Befehl deines neuen Herren befolgen. Dein alter Herr hat euch den Krieg schön selbst gebracht und uns gleich mit. Zwei Brüder habe ich hier verloren und jetzt seid ihr auch noch undankbar, weil man versucht euch zu helfen? Die Ernten aller sollen gerecht verteilt werden. Jeder, der arbeiten kann, wird eine Ration erhalten. Damit geht es doch allen besser!“ Der Bauer weicht vor dem Schwert zurück und gibt den Weg auf die wenigen Säcke Korn frei. „Nehmt es. Was soll aus meiner Familie werden, wenn ihr mich jetzt umbringt? Meinen ältesten Sohn habt ihr ja schon getötet! Im zweiten Gardebanner war er und nichtmal seine Leiche konnten sie uns bringen, um ihn zu bestatten. Nehmt das Korn und verteilt es. Aber sagt mir, was aus den Kleinen werden soll. Die können nicht arbeiten. Für die soll es gar nichts geben?“ Die Soldaten schauen sich an und zucken erneut mit den Schultern. Dann nehmen sie die Kornsäcke und laden sie auf den Karren, auf dem schon wenige Säcke liegen.

Malka

Der Wind weht den modrigen Gestank verwesender Körper die Straße entlang. Neben verbrannten Wagen liegen die Leichen der Fuhrleute und der wenigen Soldaten, die sie begleitet hatten. Die Bauern aus dem nahen Dorf sind gekommen, um zu plündern was noch übrig ist. Viel finden sie nicht. Die Angreifer haben ganze Arbeit geleistet. Ein paar wenige Ähren und Kartoffeln finden sich noch unter den Wagen. Der Großteil der Ladung ist allerdings weg. Weg wie so viele Lieferungen davor. Geraubt und tief in das Moor entlang des Flusses gebracht. Niemand weiß genau wohin. Niemand weiß genau, wer die Karren Mal um Mal überfällt. Und niemand weiß, wie lange die Übeltäter sich mit den Wegen in Malka zufrieden geben werden, bevor sie weiterziehen und auch dem übrigen Land den kärglichen Rest nehmen, der noch geblieben ist.

Priembergen

Triumphierend kehren ein paar Junge Burschen ins Dorf zurück. An eine Stange haben sie gleich drei dicke Eber gebunden, die sie in den Wäldern erjagt haben. Fröhlich schwatzend nähern sie sich der Mitte des Dorfes, als der Büttel ihnen den Weg versperrt. „Na, das sieht ja nach einer erfolgreichen Jagd aus. Da werden sich aber einige sehr freuen.“ Die Burschen bleiben ruckartig stehen. „Klar, unsere Familien werden sich freuen. Das wird uns für ein paar Wochen reichen.“ Der Büttel grinst. „Naja, eins dürft ihr behalten. Die anderen liefert ihr in meiner Stube ab. Da wird meine Frau sich freuen, dass es wieder Fleisch zu kochen gibt.“ Entrüstet tritt der kräftigste unter den Jungen vor. „Du kannst gleich mal aus dem Weg gehen, das ist alles was du kannst! Es heißt, dass jeder jetzt für seine Versorgung jagen darf und nichts anderes haben wir getan! Also gehört das auch uns! Geh doch selbst in den Wald und hol dir was!“ Der Büttel schüttelt den Kopf. „Ihr habt das wohl nicht richtig verstanden. Der Befehl des Schulzen lautet, das Wild gerecht zu verteilen. Ebenso, wie es mit den Eicheln und Kastanien passieren soll. Und ich finde es sehr gerecht, dass ihr von den zwei Ebern, die ihr gefangen habt einen an die Allgemeinheit abgebt!“ Verwirrt blicken die Burschen sich an. „Aber wir haben doch drei Eber...“ Der Büttel schneidet ihnen das Wort ab: „Also ich zähle hier nur zwei, also gehört einer euch und einer wird gerecht verteilt. Wenn ihr das anders seht, könnt ihr gerne die Nacht am Schandstock verbringen, bis ihr ordentlich zählen lernt. Haben wir uns verstanden?“ Zähneknirschend nicken die Jungen. Am Abend teilen sich vier Familien einen Eber, während ein weiterer zerteilt und in kleinen Rationen verteilt wird. Nur die Speisekammer des Büttels ist an diesem Abend voller geworden.

Stjerpevnost (früher Perchtograd)

Mit sorgenvoller Miene lauschte der Freiherr dem Bericht seines Zahlmeisters. „... und daher ist niemand mehr bereit, weitere Schuldscheine auszustellen. Es sind inzwischen einfach zu viele und die Gläubiger fürchten, dass ihr all das unmöglich werdet zurückzahlen können, Herr.“ Auros erhebt sich und geht zu einem Schrank an der Wand seines Arbeitszimmers. Mit einem Schlüssel sperrt er das schwere Schloss auf. Nur einige wenige kleine Goldstücke befinden sich in der großen Truhe, die darin steht. Auros nimmt sie alle heraus und zieht sich beide Ringe vom Finger, die er trägt. All das wirft er vor seinem Zahlmeister auf den Tisch. „Nehmt das und besorgt weitere Kredite. Macht deutlich, dass wenn Fahlen den Winter übersteht damit zu rechnen ist, dass die Gemarkung in den kommenden Jahren aufblühen wird. Wer jetzt in uns investiert, investiert in eine einträgliche Zukunft. Macht das deutlich!“ Der Zahlmeister nickt und zögert einen Moment. „Ja, Herr. Das werde ich. Doch ist es genau wie ihr sagt, WENN Fahlen den Winter übersteht...“
Alvin von Dojewski (geb. Cramers) - Studiosus der arkanen Künste
Auros von der Sternengischt - Herold seiner Hochwohlgeboren Romarik Aurora von Tauenrank
Aleksej Pjotrowitsch - Jäger-Anwärter
Knut - Hier und da auf der Suche nach Arbeit