Autor Thema: Zwerg trifft Burg - Burg kaputt. Oder auch: Neues von Burg Prinzenforst  (Gelesen 126 mal)

Offline Ulath

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„WAS?!“, schrie Ulath auf und schaute zwischen dem Zwerg Malachon, Malachias Sohn und Meister Laurenz entsetzt und ungläubig hin her. In der Ritterhalle der Burg Prinzenforst, in der alle ob des widrigen Wetters und des riesigen Kamins abends gerne zusammenkamen, wurde es schlagartig still. Dann ging jeder plötzlich erneut hochkonzentriert seiner gegenwärtigen Arbeit nach oder suchte sich eine, in der Hoffnung, nicht Ziel des Wutausbruches zu werden. Aber alle hörten nun dem Gespräch zu. Soviel war klar.
Der Zwerg seufzte, griff nach seinem Bier und nahm einen langen und tiefen Schluck. Dabei stellte er fest, dass ob seiner langen Rede, die zu des Herrn Ritters Brüllen geführt hatte, die Kehle trocken geworden war und trank den Rest leer. Der große Humpen war eh nur noch zu vier Fünfteln gefüllt gewesen, also was soll`s.
Er konnte die Reaktion ja verstehen. Es war schon nicht schön, dass der Herr ihn eigens für statische Aufbaufragen (nicht, dass auch nur ein Mensch die Bedeutung des Wortes „Statik“ kannte!) eingestellt hatte, nun, da er wohl dann doch noch genug Geld zusammenkratzen konnte, um den Wiederaufbau der einstmals stolzen Burg voranzutreiben. Und sie muss damals eine stolze Burg gewesen sein, also, für aus Menschenhand gemacht, dachte er und schaute sich beim Trinken in der herrlichen Ritterhalle der Burg Prinzenforst um. Und nun diese wirklich schlechte Nachricht.
Er setzte den leeren Humpen ab, seufzte erneut (niemand würde jemals herausfinden, ob es wegen des Überbringens der schlechten Nachricht oder wegen der stets zu kleinen Menschenhumpen war) und schaute erneut in die wutblitzenden ungläubigen Ulathaugen.
„Also, Es ist so, wie es ist: Die Prinzenforst kann nicht wiederaufgebaut werden“, brummte er mit seiner ruhigen, tiefen und langsamen Stimme.
Ulath hatte sich gefährlich vorgebeugt, die Unterarme lagen sich schwer abstützend vor ihm als wolle er Malachon jederzeit über den Tisch hinweg anspringen. Sein Blick nagelte sich in dessen Augen und manchem wäre wohl dabei mulmig geworden, doch den Zwerg konnte man mit so etwas nicht aus der Ruhe bringen. Mit offensichtlich mühsam ruhigerer Stimme forderte Ulath den Zwerg daraufhin auf: „Erklärt es mir noch einmal, Altehrwürdiger. Mit einfacheren Worten und vor allem nicht mit so vielen Berechnungen, also, am besten“ und er erhob einen Zeigefinger für die nächsten Worte und wedelte verneinend mit diesem herum, „überhaupt keinen Zahlen, ich bitt` Euch!“
Das war keine Bitte, soviel war klar, nicht so, wie dieser hastige Mensch das formuliert hatte, dachte Malachon bei sich, hatte nichts desto trotz Verständnis für die emotionale Verfassung des Ritters.
„Nun, es ist eigentlich recht einfach“, brummte er langsam und rutschte dann ein wenig auf der Bank hin und her, damit er bequemer saß. Ein Blick auf eine Magd und dann auf seinen Humpen genügte, dass diese sich sofort darum kümmerte. Kaum eine andere Tätigkeit wurde hier von den Bediensteten so geflissentlich ausgeführt. Womit das wohl zu tun hatte, fragte er sich, während er die leider viel zu magere Rückseite von Frida beim Wegeilen musterte. Das war beim Fest in Erbnacht anders gewesen, dachte er. Da hatte es zwei schöne dralle Mägde gegeben, erinnerte er sich zufrieden. Aber ich sollte langsam fortfahren. Er wusste, dass schon diese kurze bedächtige Redepause für manche Menschen zu lange dauerte, und auch, dass dieser Ritter, der ihm rechten aber teuren Lohn zahlte, kein ausgesprochen volles Füllhorn an Langmut besaß.
„Mit simplen Worten also, hoher Herr: Die aufgebaute Burg wäre zu schwer für den Berg, auf dem sie steht. Ihr habt mir davon erzählt, dass sie während der…“ er stockte kurz, weil er die rechten Worte benutzen wollte, denn nur das rechte Wort ist ein gutes, das hatten ihm seine Ahnen beigebracht, „dass sie während der Dunklen Nacht geschliffen worden sei.“ Er schaute Ulath an, dieser wiederum Malachon, in der Erwartung, dass dieser fortfuhr, der aber wollte eine Bestätigung für seine letzten Worte haben, was Ulath nicht begriff, also schauten sich die beiden einige Momente an, bis Ulath ob der Pause wieder merklich ärgerlicher wurde und „Jaaa?!“ sagte und fragte und befahl, woraufhin Malachon noch kurz darüber nachsann, wie viele Bedeutungen in so einem kleinen Wörtchen stecken konnten, bevor er dann mit seinem mittlerweile auch für Ulath bekanntem langgezogenem „Also“ fortfuhr: „Also, die ganze Zauberei, die dafür gesorgt hat, dass die Burg so schnell geschliffen werden konnte, muss sehr mächtig gewesen sein. Sie hat wohl nicht nur große Teile der Burg beschädigt“, und bei diesen Worten breitete Malachon seine Arme aus und umschloss mit dieser Geste die ganze Ruine außerhalb der Ritterhalle, „sondern auch den Fels darunter verändert Stellt Euch einen Knochen vor Er ist lebendig und von großer Festigkeit. Wenn man ihn aber in ein Feuer legt, wird er spröde. Genau dies ist durch Zauberwerk mit dem Fels an diesem Ort passiert. Die Zauberkunst ist im Gesamten ein Ärgernis, weshalb sich wohl auch vornehmlich das Elfenvolk damit beschäftigt…“
Er wollte gerade weiter ausschweifen, bemerkte aber den Blick von Ulath und sprach diesmal etwas schneller weiter: „Aber ich will ja nicht über die Gefahren der Zauberei lamentieren. Zurück zum Fels.“ Bedächtig strich er sich durch den Bart. „Dieser hat also bei diesem Angriff Schaden durch die Zauberei genommen und wenn man auf diesen die alten Mauern der Burg wiedererrichtet, wird das Gewicht so groß sein, dass der Fels bricht. Und dann gibt es erneut nur eine Ruine. Noch schlimmer als gerade jetzt“, schloss der Zwerg und schaute Ulath erwartungsvoll an.
Nun ja, er hätte dies getan, wäre da eben nicht Frida mit dem neugefüllten Humpen erschienen. Den erwartungsvoll anzuschauen bis er ihn in den eigenen Händen hielt war für Malachon dann doch lohnender, er kannte ja das Jammern der Menschen und die Fragen, die nun kommen würden.
Ulath dachte kurz nach.
„Wie groß ist die gegenwärtige Gefahr für Leib und Leben der Burgbesatzung und meines Gefolges?“ Malachon setzte erstaunt den Humpen, fast bis zum Munde geführt, wieder ab. Damit hatte ihn dieser junge Ritter dann doch überrascht: Er hatte Flüche und Gezeter erwartet, dann Fragen, ob es nicht doch zu reparieren sei, und schlussendlich unwilliges Verweigern der unabänderlichen Tatsachen. Alles Dinge, die ein sinnvolles Gespräch erst am nächsten Tag möglich machen würden. Er fokussierte Ulath über den Tisch hinweg. Dieser hatte nichts gemacht, außer nach Malachons Worten den Baumeister und Zimmermann Laurenz einmal fragend anzusehen, der bestätigend und betreten mit den Schultern gezuckt und genickt hatte, dann einmal tief Luft geholt und die Frage gestellt.
Ungewöhnlich, dachte der Zwerg. Er blickte Ulath an und dachte über eine weitere Feinheit der Frage nach: Der Ritter hatte nicht nach der eigenen Sicherheit gefragt. Sehr anständig. Erstaunt hob der Zwerg nach dieser Erkenntnis die Augenbrauen und nickte für sich, was Ulath wiederum falsch interpretierte: „So schlimm? Also muss ich sofort alle aus der Burg rausschaffen... lassen?“ Das letzte Wort war wie ein Nachsatz, eine Korrektur, als ob der Mensch immer noch nur schwer begreifen könnte, selber Gefolge zu haben.
„Nein, nein!“, beruhigte der Zwerg daraufhin Ulath und auch Laurenz schüttelte den Kopf und strich sich dann mit der flachen Hand über die Glatze. Das erregte Ulaths Aufmerksamkeit und er fragte den Zimmermann: „Können wir hier erstmal weiter wohnen?“ Dieser entgegnete mit seinem altbekannten „Na sicher!“ Er hatte dies schon im Vorfeld mit Malachon besprochen und war dankbar, dass es wenigstens etwas Gutes gab, was berichtet werden konnte: „So wie die Burg Prinzenforst steht, also so wie jetzt“, fuhr er fort, „steht sie sicher und beständig“, beruhigte er Ulath. „Ihr könnt weiter hier wohnen mit aller Gefolgschaft und Viechzeug. Ihr könnt weiterhin Gäste beherbergen und sogar Hundert Menschen mehr würden die Burg nicht gefährden! Nur eben erneut Zinnen aufziehen und Stockwerke und Gemäuer aus Stein? Zu schwer für die Felsnase.“ Er rümpfte die Nase und zuckte mit den Schultern: „Tut mir leid, Herr, das habe ich nicht erkannt…“
„Schwätz´ nicht, Meister Laurenz, Dich trifft keine Schuld“, bellte Ulath ihn an. „Du bist für Holzarbeiten angestellt worden, wie sollst Du Dich denn mit dem Fels darunter auskennen? Das wäre ja so, wie wenn ich…“ und nun gab es eine kurze Pause, in der Ulath (mal wieder) einen unpassenden Vergleich ersann „einer Hure das Begatten erklären würde!“
Die Anwesenden im Raum atmeten merklich auf: Wie schlecht der Witz auch gewesen war, es war ein Zeichen dafür, dass die Wut des Herrn über Burg Prinzenforst verrauchte. Leise begann Geflüster über das eben Gehörte mit Mutmaßungen und Vermutungen. Die Stimmen wären wohl immer lauter und lauter geworden ob der schlechten Neuigkeit, wenn nicht jemand, alle überraschend, laut losgelacht hätte und so verstummten die aufkommenden Gespräche erneut, als ungläubige Blicke nach demjenigen suchten, der den Vergleich witzig gefunden hatte: Es war der Zwerg. Er hatte bei Ulaths letzten Worten erst in sich hineingeschmunzelt und dann ein Glucksen den Hals aufsteigen gespürt. Dieses herunterzuschlucken kam ihm nicht in den Sinn und so über- und dröhnte das tiefe Basslachen die Gespräche und durch den Saal, so dass selbst Ulath ihn verdutzt ansah.
„Wohl gesprochen, junger Herr!“ kommentierte er. Ulath, der in den Augen des Zwerges Hohn suchte, fand keinen, schaute zum erneut schulterzuckenden Laurenz und wieder zurück und stellte dann fest:
„Aber so kann ich nicht zur Krone gehen. Das kann ich ihr doch nicht einfach vor die Füße werfen mit nem:“ und nun breitete er theatralisch die Arme aus und schaute übertrieben von links nach rechts, „Entschuldigt, Eure Königliche Majestät, ist halt kaputt, ich konnte Euren eindeutigen Auftrag nicht nur bisher nicht erfüllen, sondern das wird auch in Zukunft so bleiben?!“
Nun schauten sich Laurenz und der Zwerg einmal an und beide waren glücklich, dass sie diesen Satz schon erwartet und so eine Antwort parat hatten: „Natürlich nicht, Herr!“, begann Laurenz. „Ihr müsst schon mit einer Lösung aufwarten können!“, „Einer Alternative“, präzisierte der Zwerg und übernahm das zu Sagende: „Ihr baut eine neue Burg Prinzenforst.“ „Neben der alten“, fügte wiederum Laurenz hinzu.
Das saß. Ulaths Blick wurde weit und ging in die Ferne als er den Vorschlag überdachte und ihren Sinn erkannte. Sprachlos schaute er von einem zum anderen. „Wir finden einen neuen Baugrund, ebenso erhaben wie diesen und vielleicht auch näher an der Haupthandelsstraße gelegen; dieser Platz ist doch recht abgeschieden“, sprach Meister Laurenz. „Und wir können die Steine der alten Burg für den Aufbau der neuen verwenden und so Kosten sparen“, setzte er hinzu. „Und eine Burg bauen, die den heutigen Bedürfnissen einer Prinzlichen Hoheit gerecht wird“, sprach er und blickte in der großen, trotz des Feuers immer kalt und zugig scheinenden Halle herum.
Aber der Acker war umgegraben, wie es so schön heißt und die Saat gesät, das konnten Malachon und Laurenz erkennen: In Ulaths Kopf gingen schon Möglichkeiten, Umsetzbarkeiten und Widrigkeiten herum. Die beiden schauten sich erneut an und nickten beide einmal leicht und erleichtert: Das war um einiges weniger schlimm vonstattengegangen als befürchtet…
Zwei Tage später wurde ein Brief aus Burg Prinzenforst einem Händler, der gen Königsstolz reiste, mitgegeben. Dieser war in Ulaths üblich schnodderiger Art verfasst:

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An den Kronwappenbewahrer und Herold Ihrer Königlichen Majestät zu Galladoorn
Gavin Arderich von Starken

Hochachtbarer Herr,

habe Neuigkeiten von Burg Prinzenforst, die ich mit dem Königlichen Paar besprechen muss.
Ja: keine guten. Und ja: allein. Da ich Euch ja eh nicht rausschmeißen kann, seid doch gerne
dabei. Habe eine Audienz noch nie erfragt, weswegen wohl klar, wie ernst es mir ist.
Werde noch vor Jahresende kommen.

Hat seine Prinzliche Hoheit Leomar mal von mir gesprochen? Ich hatte so sehr versucht, ihm
bei seinem Besuch der Burg Prinzenforst eine schöne Zeit zu machen, aber irgendwie scheint
ihn verschreckt zu haben, das ich ihn anschrie, er solle auf der Stelle wieder von den Burgzin-
nen runterklettern… der kleine Racker ist aber auch ein Abenteurer! Kommt seiner Mutter
nach, schätze ich…

In freudiger und so weiter und so weiter
UHvT

im elften Monats des Jahres 19 Viviane auf Burg Prinzenforst
verfasst von Ulath Hermann von Treuenturm,
ganz genau wie vorgegeben niedergeschrieben
von der treuen Leib- und Schreibmagd Frida
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Ulath Hermann von Treuenturm - Ritter Galladoorns und Markverweser der Gemarkung Starkburg in der Kronmark Eichenhain
Nepomuk Apfelthaler - Galladoornscher Landsknecht und Rumormeyster der Eysern`Fauszt